Sarah interessiert sich für Technik, bewirbt sich aber für eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Ahmed arbeitet gern mit Menschen, entscheidet sich jedoch für die Arbeit in einer Kfz-Werkstatt. Beide Jugendlichen folgen damit einem Muster, das Fachkräfte am Übergang Schule-Beruf täglich beobachten: Geschlechterstereotype bestimmen frühzeitig und oft unbemerkt die beruflichen Wege junger Menschen. Sie entscheiden darüber, welche Tätigkeiten überhaupt in Betracht gezogen werden, welche Kompetenzen sichtbar werden und welche Chancen sich daraus ergeben.
Individuelle Förderung jenseits von Stereotypen
Für Jugendliche am Übergang Schule-Beruf bedeutet das häufig: verengte Perspektiven, verlorene Potenziale und geringere Chancen auf gelingende Übergänge. Geschlechtergerechtes Arbeiten ist deshalb keine optionale Ergänzung pädagogischer Arbeit, sondern eine systemische Aufgabe. Entscheidend ist die konkrete Verankerung in den Strukturen und Prozessen der verschiedenen Angebote im Übergang Schule-Beruf.
Die zentrale Herausforderung besteht darin, das Potenzial junger Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Bildungsbiografie oder ihrem Geschlecht zu erschließen. Das erfordert eine Orientierung an ihren tatsächlichen Fähigkeiten, Interessen und individuellen Lebenslagen. Vom ersten Kennenlernen, der Berufsorientierung bis zum Ausbildungsstart gilt es, individuelle und strukturelle Benachteiligungen sichtbar zu machen und passende Antworten im Rahmen der Förderung zu entwickeln.
Geschlechterstereotype bestimmen frühzeitig und oft unbemerkt die beruflichen Wege junger Menschen.“
Genderreflexive Anamnese als Kerninstrument
In den Projekten am Übergang Schule-Beruf ist die gemeinsame individuelle Förderplanung das Fundament der Zusammenarbeit mit den Jugendlichen. Die Erhebung persönlicher Voraussetzungen, privater Rahmenbedingungen und verborgener Interessen ermöglicht die Entwicklung passgenauer Bildungswege. Dabei kommt es darauf an, dass Kennenlerngespräche, Kompetenzfeststellungsverfahren und praktische Erprobungen verbreitete Rollenbilder bewusst aufbrechen.
Eine genderreflexive Anamnese lenkt den Blick weg von Berufslabels hin zu konkreten Tätigkeiten und benennbaren Fähigkeiten. Statt zu fragen „Welchen Beruf möchtest du erlernen?“, wird erfragt: „Was machst du gern? Welche Tätigkeiten liegen dir?“. Die Bereitschaft, vermeintlich untypische Berufsfelder auszuprobieren, wird dabei ausdrücklich thematisiert.
Auf dieser Basis werden gezielte Erfahrungsräume entwickelt — ein abgestimmtes Bündel aus informationsbasierten Formaten, handlungsnahen Lernsettings und praktischen Erprobungen. Dieser Prozess folgt einer klaren Arbeitsschleife:
1. Erheben: In einer systematischen Anamnese werden Interessen, bevorzugte Tätigkeiten, Fähigkeiten sowie Sorge- und Rahmenbedingungen erfasst. Besondere Aufmerksamkeit gilt Präferenzen, die nicht den gängigen Rollenerwartungen entsprechen.
2. Übersetzen: Aus den erhobenen Informationen werden individuelle Förderziele abgeleitet. Geklärt wird: Welche Erprobungen sind sinnvoll? Welche Unterstützungsbedarfe bestehen? Welche Rahmenbedingungen müssen berücksichtigt werden?
3. Erproben: Es werden gezielte Erprobungsräume geschaffen, in denen untypische oder bisher unbekannte Tätigkeitsprofile realitätsnah getestet werden können. Vorbereitende Gespräche helfen, Erwartungen und Unterstützungsbedarfe zu klären. In verbindlichen Absprachen mit Praxispartnern werden Aufgabenprofile und Rückmeldeformate festgelegt.
4. Reflektieren und Anpassen: Eine strukturierte Nachbereitung macht Lernprozesse sowie mögliche Perspektivverschiebungen sichtbar. Erfahrungen werden gemeinsam ausgewertet und Förderziele entsprechend justiert — nicht um vorgefasste Wege zu bestätigen, sondern um Ziele begründet anzupassen.
Dieses Vorgehen zeigt in der Praxis drei wesentliche Effekte:
– Erstens werden Rollenzuschreibungen von der Auswahl von Angeboten entkoppelt. Die Entscheidungsgrundlage bilden nicht mehr diffuse Vorstellungen von „typischen“ Berufen, sondern konkrete Tätigkeitsinteressen.
– Zweitens beruhen Entscheidungen auf fallbezogenen Erkenntnissen statt auf Annahmen. Jugendliche und Fachkräfte gewinnen belastbares Wissen über Neigungen und Fähigkeiten.
– Drittens stärkt die aktive Beteiligung junger Menschen deren Selbstwirksamkeit. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Erprobungen in tragfähige Bildungs- und Berufswege münden.
– Die genderreflexive Anamnese macht Klischeefreiheit damit handhabbar. Sie ist keine abstrakte Idealvorstellung, sondern eine strukturierte und nachvollziehbare Praxis mit direkter Wirkung auf Übergangsqualität und Chancengerechtigkeit.
(Quelle: Tetiana — stock.adobe.com)
Vor allem in der Kindererziehung sind beide Geschlechter gefragt.
Die zentrale Herausforderung besteht darin, das Potenzial junger Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Bildungsbiografie oder ihrem Geschlecht zu erschließen.“
Notwendige Rahmenbedingungen
Gerade im Übergang Schule-Beruf, wo Jugendliche ihre (berufliche) Identität erst entwickeln, hat Sprache eine entscheidende modellierende Funktion. In der Ansprache junger Menschen, in Beratungsgesprächen und in der Dokumentation entscheidet sich, welche Bilder über Beruf, Leistung und Geschlecht vermittelt werden.
Genderreflexive Kommunikation bedeutet, stereotype Zuschreibungen zu vermeiden und Vielfalt sichtbar zu machen — auch in Formulierungen und Materialien. Wenn Fachkräfte beispielsweise Tätigkeiten statt Berufsbezeichnungen beschreiben („handwerkliches Arbeiten“ statt „Zimmermann“ oder „pflegerische Tätigkeiten“ statt „Krankenschwester“), entstehen neue Assoziationsräume.
Geschlechtergerechtes Arbeiten kann nur als geteilte Praxis wirksam werden. Das erfordert professionelle Reflexion und eine lernförderliche Teamkultur. In multiprofessionellen Teams treffen unterschiedliche Berufslogiken aufeinander: Sozialpädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte, Ausbildende oder Coaches bringen jeweils eigene Perspektiven und Routinen ein. Eine lernorientierte Teamkultur nutzt diese Vielfalt als Ressource. Sie ermöglicht es, eigene Wahrnehmungen, Sprachmuster und Interventionen zu hinterfragen und blinde Flecken sichtbar zu machen. Instrumente wie kollegiale Fallberatung, Supervision, Fortbildung oder gezielte Team-Workshops bieten Räume für gemeinsame Reflexion:
– Wie spreche ich mit Jugendlichen über Berufsinteressen, ohne unbewusst geschlechterbezogene Erwartungen zu transportieren?
– Wie gestalte ich Gruppensituationen, in denen bestimmte Rollenbilder dominieren?
– Welche eigenen Vorannahmen beeinflussen meine Wahrnehmung der Jugendlichen?
Besonders die Verbindung aus analytischem Vorgehen, praxisnahen Erprobungsräumen und einer reflexiven Teamkultur eröffnet die Chance, Übergänge nachhaltiger und tragfähiger zu gestalten.“
Eine solche Reflexionspraxis fördert fachliche Sicherheit und ist zugleich der Schlüssel zu geschlechtergerechtem Arbeiten — verstanden als durchgängige Haltung, nicht als punktuelle Einzelmaßnahme. So überzeugend der Ansatz konzeptionell ist, zeigen sich in der Umsetzung auch Grenzen und Herausforderungen. Selbst wenn Jugendliche untypische Berufsfelder für sich entdecken, stoßen sie bei Bewerbungen mitunter auf Vorbehalte von Arbeitgebern. Hier braucht es flankierende Netzwerkarbeit und Sensibilisierung von Betrieben. Die beschriebene Arbeitsschleife erfordert außerdem zeitliche Spielräume und Rahmenbedingungen, die Träger ermöglichen und unterstützen müssen.
Geschlechtergerechtes Arbeiten am Übergang Schule-Beruf erfordert also weit mehr als guten Willen. Die genderreflexive Anamnese bietet dabei einen praxistauglichen Ansatz, um Potenziale sichtbar zu machen, die sonst unentdeckt bleiben. Besonders die Verbindung aus analytischem Vorgehen, praxisnahen Erprobungsräumen und einer reflexiven Teamkultur eröffnet die Chance, Übergänge nachhaltiger und tragfähiger zu gestalten.
Der nächste Schritt besteht darin, diese Arbeitsweise strukturell zu sichern und ihre Ergebnisse systematisch sichtbar zu machen — damit Klischeefreiheit nicht Anspruch bleibt, sondern gelebter Standard wird.
Amelie Bernshausen
Referentin für Grundsatzfragen, Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft e. V.
(Quelle: Facundo — stock.adobe.com)
Auch auf dem Bau gilt geschlechtergerechtes Arbeiten.