Der Bericht macht deutlich: Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz liegt der wahre Wettbewerbsvorteil im Menschlichen.
Lange wurden sie als „Soft Skills“ belächelt — heute gelten Kreativität, Anpassungsfähigkeit und emotionale Intelligenz mit als härteste Währung auf dem Arbeitsmarkt. Das World Economic Forum hat in seinem aktuellen Bericht „New Economy Skills: Unlocking the Human Advantage“ untersucht, wie sich die Nachfrage nach menschlichen Kompetenzen entwickelt und warum Bildungssysteme weltweit Schwierigkeiten haben, diese zu vermitteln.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Arbeitgeber prognostizieren, dass sich in den nächsten 5 Jahren fast 40 % der Kernkompetenzen für bestehende Jobs verändern werden. Gleichzeitig entstehen bis 2030 voraussichtlich 170 Millionen neue Stellen, während 92 Millionen wegfallen. In diesem Umbruch setzen knapp 80 % der Unternehmen auf Weiterbildung als zentrale Geschäftsstrategie. Ein Grund für den hohen Weiterbildungsbedarf liegt auch darin, dass die Bildungssysteme durchmischt gesehen werden: Zwar sind sechs von zehn Führungskräften weltweit der Ansicht, dass Primär- und Sekundärschulsysteme die Fähigkeit zur Zusammenarbeit fördern, jedoch weniger als die Hälfte sieht Kreativität, Neugier oder Resilienz als ebenso gut in Bildungssysteme eingebettet an — und das, obwohl gerade diese Fähigkeiten als zukunftsentscheidend gelten.
Regionale Unterschiede und blinde Flecken
Die Studie offenbart interessante regionale Unterschiede. Europa zeigt ein gemischtes Bild bei der Entfaltung menschlicher Kompetenzen im Bildungssystem laut den befragten Arbeitgebern: 49 % sehen Europa beim Thema Zusammenarbeit gut aufgestellt — deutlich hinter Ostasien (68 %) und Lateinamerika (64 %), aber vor Nordamerika (43 %). Besonders auffällig sind Europas Schwächen bei der Förderung von Kreativität und Problemlösungskompetenz: Nur 39 % der befragten Führungskräfte sehen diese Fähigkeiten in europäischen Bildungssystemen gut entwickelt — der niedrigste Wert aller untersuchten Regionen nach Lateinamerika (35 %). Auch bei Neugier und lebenslangem Lernen (37 %) sowie Resilienz (31 %) schneidet Europa unterdurchschnittlich ab. Bei der Bewertung der tatsächlichen Kompetenz der Arbeitskräfte zeigt sich ein ähnliches Muster: Europäische Arbeitgeber sehen ihre Belegschaft bei Zusammenarbeit (50 %) und Kreativität (50 %) im Mittelfeld positioniert. Besonders kritisch werden jedoch die Neugier und Lernbereitschaft eingeschätzt: Mit nur 30 % liegt Europa gleichauf mit dem globalen Durchschnitt, aber weit hinter Regionen wie Subsahara-Afrika (39 %) oder Südasien (37 %).
Lange wurden sie als ‚Soft Skills‘ belächelt — heute gelten Kreativität, Anpassungsfähigkeit und emotionale Intelligenz mit als härteste Währung auf dem Arbeitsmarkt.“
Zukunftstrends: Europa setzt auf Kreativität und Resilienz
Blickt man auf die erwartete Entwicklung bis 2030, zeichnet sich für Europa eine deutliche Aufholjagd ab: Europäische Arbeitgeber prognostizieren einen Bedeutungszuwachs von 65 % bei kreativem Denken und 69 % bei Resilienz — beides Werte, die nahe am globalen Durchschnitt liegen. Auch Neugier und lebenslanges Lernen sollen mit einem Zuwachs von 70 % deutlich an Bedeutung gewinnen, was auf ein wachsendes Bewusstsein für diese Kompetenzlücke hindeutet.
Fragile Fähigkeiten: Lehren aus der Pandemie
Entgegen der landläufigen Meinung sind menschliche Kompetenzen keineswegs „dauerhaft“, sondern erstaunlich anfällig für externe Entwicklungen. Die Pandemie machte dies deutlich: Fähigkeiten, die intensive zwischenmenschliche Interaktion erfordern — wie Resilienz oder Lehrkompetenz —, brachen um über 5 % unter das Niveau von 2019 ein. Selbst 2025 hat keine dieser Kompetenzen die Vorpandemie-Werte wieder erreicht. Die gute Nachricht: Diese Fähigkeiten lassen sich durch KI am schwersten automatisieren. Aufgaben, die Empathie, Kreativität, Führungsstärke oder Neugier erfordern, haben nur ein 13-prozentiges Automatisierungspotenzial durch Künstliche Intelligenz — sie bleiben menschliche Domäne.
Unsichtbar im Recruiting
Ein paradoxes Problem zeigt sich auch bei Stellenausschreibungen: Selbst wenn menschliche Kompetenzen als unabdingbar gelten, werden sie oft nicht explizit in Jobinseraten erwähnt. Im Bildungssektor werden zwar 92 % der Stellenanzeigen mit mindestens einem Human-Centric-Skill versehen, doch in anderen Branchen wie Logistik sinkt dieser Wert auf 45 %. Skills wie kreatives Denken oder Resilienz werden demnach selten abgefragt und bleiben so bei Einstellungsentscheidungen häufig unberücksichtigt.
Das deutsche Bildungssystem zeigt mit seinem Kompetenzaufbau bereits den richtigen Weg.“
Handlungsempfehlungen für die Praxis
Das World Economic Forum formuliert klare Prinzipien für die Entwicklung, Bewertung und Anerkennung menschlicher Kompetenzen. Für die Bewertung empfiehlt der Bericht, den „ganzen Menschen“ zu erfassen: durch diverse Messinstrumente, authentische Praxisaufgaben und die Beobachtung von Denkprozessen — nicht nur von Ergebnissen. Bei der Entwicklung sollten sichere Räume geschaffen werden, in denen Experimentieren, Scheitern und Reflexion möglich sind. Für die Zertifizierung braucht es gemeinsame Standards, praxisbasierte Nachweise und modulare Qualifikationsnachweise, die in klare Karriere- und Lernpfade eingebettet sind.
Fazit: Investition in die Zukunft
Der Bericht macht deutlich: Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz liegt der wahre Wettbewerbsvorteil im Menschlichen. Für Europa bedeutet dies eine besondere Herausforderung: Die Region muss ihre Defizite z. B. bei lebenslangem Lernen oder Resilienz systematisch angehen, während gleichzeitig die Stärken in der Zusammenarbeit ausgebaut werden sollten. Das deutsche Bildungssystem zeigt mit seinem Kompetenzaufbau bereits den richtigen Weg. Nun müssen Bildungseinrichtungen, Unternehmen und Politik gemeinsam klare Rahmen schaffen, damit bestimmte menschliche Fähigkeiten die Sichtbarkeit und Wertschätzung erhalten, die sie verdienen.