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Wie barrierefreie Kommunikation zu mehr Teilhabe führt

Deutsche Sprache — schwere Sprache?

Dr. Michael Jentgens ist Mitgründer und Geschäftsführer von laizee.ai, einem Start-up, das sich auf die Entwicklung KI-basierter Lösungen zur Sprachverarbeitung spezialisiert hat und mit „Fair Text“ einen Schwerpunkt auf Sprach­vereinfachung legt. Wir sprachen mit ihm über die Leichte Sprache und deren Nutzen für einen nicht unerheblichen Teil unserer Bevölkerung.

Zum Einstieg eine ganz grundsätzliche Frage: Was ist der Unterschied zwischen Leichter und Einfacher Sprache?

Der Hauptunterschied liegt in der angesprochenen Zielgruppe. Leichte Sprache ist eine stark reglementierte, schriftliche Sprache mit festen Regeln (kurze Sätze, nur eine Aussage pro Satz, einfache Wörter, Verzicht auf Konjunktiv, spezielle Formatierung, Glossar, Prüfleser). Sie richtet sich primär an Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, Lernschwierigkeiten oder geringen Deutschkenntnissen. ­Es gibt verschiedene Regelwerke, die genutzt werden, z. B. ­„DIN SPEC 33429“, „Das Regelbuch der Forschungsstelle Leichte Sprache“ oder „Das Regelwerk des Netzwerks ­Leichte Sprache e. V.“.

Einfache Sprache hingegen ist eine Variante des Standard­deutschen, die vereinfacht, aber weniger streng reglementiert ist als Leichte Sprache. Sie verwendet ebenfalls kurze Sätze und einfache Wörter, verzichtet aber auf viele der strengen Formatierungs- und Regelanforderungen. Sie dient als Brückensprache für eine breitere Zielgruppe. Es gibt eine DIN-Norm, die die Einfache Sprache regelt: DIN-Norm 8581-1.

Warum benötigen wir die Leichte Sprache?

Wir benötigen Leichte Sprache, weil ein großer Kom­munikations- und Teilhabebedarf in unserer Gesellschaft besteht, der durch Standardsprache nicht gedeckt wird.

Studien wie die LEO-Studie der Universität Hamburg belegen, dass Millionen Menschen in Deutschland ­Schwierigkeiten haben, komplexe Texte zu verstehen ­(„Jeder vierte Erwachsene“). Ohne Leichte Sprache sind diese Menschen von zentralen Bereichen der Gesellschaft — ­von Behörden­formularen über Verträge bis hin zur Politik — ­ausgeschlossen. Sprachvereinfachung (Leichte und Einfache Sprache) stellt sicher, dass jeder Mensch sein Grundrecht ­­auf Infor­mation, Bildung und selbstbestimmte Teilhabe wahrnehmen kann. Sie schließt die Kommunikationslücke für einen signifikanten Teil der Bevölkerung.

An wen richtet sich die Leichte Sprache?

Leichte Sprache richtet sich an alle Menschen mit eingeschränkter Lesefähigkeit. Kernzielgruppe sind ­Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, funktionale Analphabeten, Aphasiker und Gehörlose. Zur erweiterten Zielgruppe zählen neu zugewanderte Migranten und
Geflüchtete mit geringen Deutschkenntnissen (Deutsch als Zweitsprache = DaZ). Hier dient die Leichte Sprache als maximal vereinfachte Zugangs- und Verstehenshilfe für wichtige Informationen.

Laut der LEO-Studie gelten in Deutschland 6,2 Millionen Menschen (12,9 % der Erwerbsbevölkerung) als funktionale Analphabeten. Expert*innen schätzen, dass durch Teil­gruppen von Migrant*innen sowie weiteren Gruppen ungefähr 10 bis 15 Millionen Menschen von flächendeckend verfügbarer Leichter Sprache profitieren oder sie benötigen würden.

Einfache Sprache ist eine Variante des Standarddeutschen, die vereinfacht, aber weniger streng reglementiert ist als Leichte Sprache.

(Quelle: rh2010 — stock.adobe.com)

Einfache Sprache ist eine Variante des Standarddeutschen, die vereinfacht, aber weniger streng reglementiert ist als Leichte Sprache.

Was brauche ich als Unternehmen, um Leichte Sprache im Sinne der Barrierefreiheit zu etablieren?

Um Leichte Sprache erfolgreich zu etablieren, benötigen Unternehmen einen ganzheitlichen und im besten Fall technologisch gestützten Ansatz.

Es braucht ein strategisches Bekenntnis, sprich: die klare Entscheidung der Unternehmensführung zur Inklu­sion. Die nötige Technologie in Form von KI-Tools zur schnellen, konsistenten Übersetzung in die erste Fassung der Leichten Sprache sowie die Integration dieser Über­setzung in den Content-Workflow ist ebenfalls wichtig.

Zur Qualitätssicherung ist die Zusammenarbeit mit zerti­fizierten Prüfgruppen aus der Zielgruppe unabdingbar. Nur eine solche Prüfung garantiert, dass die oft komplexen Regeln (z. B. Vermeidung von Metaphern) im Sinne der Verständlichkeit eingehalten werden.

Nicht zuletzt müssen auch die Mitarbeitenden für die Regeln und den gesellschaftlichen Nutzen barrierefreier Kommunikation geschult werden.

Wie zeigt sich Leichte Sprache in der (Berufs-)Ausbildung? Sind Stellenausschreibungen, Anforderungen, Aufgaben­stellungen etc. hier tatsächlich leichter verständlich?

Aus unserer subjektiven Sicht: Ja, Leichte Sprache spielt eine entscheidende Rolle bei der Inklusion in Bildung und Arbeitsmarkt.

Stellenausschreibungen bzw. Anforderungen werden in Leichter Sprache formuliert, um die Hürden für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder Behinderungen zu senken. ­Sie erhalten dadurch überhaupt erst die Möglichkeit, sich zu bewerben und die Anforderungen verstehen zu können.

Inklusive Ausbildungsmodelle verwenden Lern- und Arbeitsmaterialien in Leichter Sprache mit dem Ergebnis, dass die Arbeitsmaterialien tatsächlich leichter verständlich sind. Das liegt daran, dass die sprachliche Komplexität ­(z. B. durch die Reduktion von Nebensätzen und komplizierten Fachbegriffen) reduziert und die Inhalte auf das Wesentliche konzentriert werden. Dies führt zu größerer Selbstständigkeit, besseren Lernerfolgen und somit zu besseren Chancen auf Teilhabe am Arbeitsleben.

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.fair-text.com

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