Insbesondere Schüler*innen mit niedrigem Bildungsniveau tendieren dazu, nach der Schule zunächst auf eine Ausbildung zu verzichten und ohne formale Qualifikation zu arbeiten.
Die duale Berufsausbildung ist bei jungen Menschen der beliebteste Bildungsweg nach dem Schulabschluss. Doch insbesondere Schüler*innen mit niedrigem Bildungsniveau tendieren dazu, nach der Schule zunächst auf eine Ausbildung zu verzichten und ohne formale Qualifikation zu arbeiten. Dadurch droht die Quote an Ungelernten weiter zu steigen, mit gravierenden Folgen für den Arbeitsmarkt und die jungen Menschen selbst. Das ist ein zentrales Ergebnis der Studie „Ausbildungsperspektiven 2025“ der Bertelsmann Stiftung, für die bundesweit 1.755 junge Menschen im Alter von 14 — 25 Jahren befragt wurden.
Aktuelle Zahlen aus dem Berufsbildungsbericht 2025 zeigen einen leichten Rückgang beim Ausbildungsplatzangebot und den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen bei gleichzeitig steigender Nachfrage durch junge Menschen. Am 30. September 2024 standen 70.400 suchende Bewerber*innen 69.400 unbesetzten Ausbildungsstellen gegenüber. Angebot und Nachfrage gleichen sich nicht aus, Unternehmen und junge Menschen finden zu häufig nicht zueinander. Wie kann das sein?
Ausbildungsmarkt: Mismatch mit Folgen
Die Gründe für dieses sogenannte Passungsproblem sind vielfältig. Zum Teil liegt es an dem regionalen Mismatch von Angebot und Nachfrage, d. h. die Ausbildungsstellen werden nicht dort angeboten, wo Jugendliche sie nachfragen. Oder es passt fachlich nicht und die angebotenen Stellen entsprechen nicht den beruflichen Interessen der jungen Menschen. Darüber hinaus bemängeln Betriebe häufig die unzureichenden Qualifikationen der Bewerber*innen.
Trotz vielfältiger Maßnahmen und Programme der beruflichen Orientierung und Ausbildungsvorbereitung bleiben insgesamt zu viele junge Menschen auch mittel- und langfristig ohne berufliche Qualifikation. Aktuell ist fast jeder fünfte junge Mensch im Alter von 20 bis 34 Jahren ohne Berufsabschluss. In absoluten Zahlen sind das 2,86 Millionen Menschen. Diese Quote variiert stark mit dem erreichten Schulabschluss: Je niedriger der Schulabschluss, desto höher die Quote der „Ungelernten“.
Die Studie „Ausbildungsperspektiven 2025“ der Bertelsmann Stiftung zeichnet ein Stimmungsbild junger Menschen am Übergang in das Erwerbsleben. Für den vorliegenden Bericht wird auf eine Auswahl an Studienergebnissen zurückgegriffen.
(Quelle: Bertelsmann Stiftung)
Die duale Berufsausbildung ist bei jungen Menschen der beliebteste Bildungsweg nach dem Schulabschluss.
Zukunftsperspektive Ausbildung
Die Berufsausbildung hat bei jungen Menschen ein sehr hohes Ansehen. Rund 86 % der Befragten sehen in einer Ausbildung eine gute Basis für eine berufliche Karriere. Immerhin 69 % glauben, dass man sich mit einer Ausbildung später ein gutes Leben leisten kann. Etwas mehr als die Hälfte ist allerdings der Meinung, dass die Ausbildung insgesamt zu wenig gesellschaftliche Anerkennung genießt.
Diese positive Haltung gegenüber der Ausbildung spiegelt sich auch in den beruflichen Zukunftsplänen der befragten Schüler*innen wider. Die Ausbildung ist die beliebteste nachschulische Option. 43 % haben angegeben, nach der Schule auf jeden Fall eine Ausbildung machen zu wollen. Weitere 45 % sind noch unentschlossen. Damit ist die Berufsausbildung für fast neun von zehn Schüler*innen eine Option. Allerdings zeigen sich hier große Unterschiede nach dem formalen Bildungsniveau. Während 87 % bzw. 71 % derjenigen mit niedriger und mittlerer Schulbildung auf jeden Fall eine Ausbildung anfangen möchten, ist dies bei denjenigen mit höherer Schulbildung nur bei ca. einem Fünftel der Fall.
Angebot und Nachfrage gleichen sich nicht aus, Unternehmen und junge Menschen finden zu häufig nicht zueinander.“
Einschätzung zum Ausbildungsmarkt und den persönlichen Chancen
Insgesamt bewerten die jungen Menschen das quantitative Angebot an Ausbildungsplätzen positiv. Die Mehrheit von 62 % der Befragten denkt, dass es in Deutschland derzeit ausreichend oder sogar eher zu viele Ausbildungsplätze gibt, etwa ein Viertel meint, dass es eher zu wenige sind. Diese positive Einschätzung des Ausbildungsplatzangebots übersetzt sich aber nicht für alle gleichermaßen in Optimismus in Bezug auf den persönlichen Berufsweg.
Die Zuversicht, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, nimmt mit dem formalen Bildungsniveau ab. Unter den Befragten mit hoher und mittlerer Schulbildung sind sich 66 bzw. 65 % ganz oder ziemlich sicher, einen Ausbildungsplatz zu finden, sobald sie sich auf die Suche begeben. Unter den Befragten mit niedriger Schulbildung sind es dagegen nur 53 %. Besorgniserregend ist, dass von den jungen Menschen mit niedriger Schulbildung rund 12 % die eigenen Chancen auf einen Ausbildungsplatz sehr negativ bewerten. Weitere 23 % sind sich unsicher. Damit ist insgesamt über ein Drittel von ihnen sehr skeptisch, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Dies ist umso bedenklicher, da gerade für die jungen Menschen mit niedriger Schulbildung die Ausbildung die primäre nachschulische Bildungs- und Karriereoption ist.
(Quelle: Bertelsmann Stiftung)
Mehr als die Hälfte der befragten Schüler*innen kann sich vorstellen, erst einmal ohne berufliche Qualifikation zu arbeiten.
Problematische Alternative: Jobben statt Ausbildung
Fragt man die jungen Menschen, was für sie gegen die Aufnahme einer Ausbildung spricht, zeigt sich, dass neben dem Wunsch, zu studieren, vor allem die mangelnde Ausbildungsvergütung und die unzureichende berufliche Orientierung und Vorbereitung zentrale Gründe sind, die gegen eine Ausbildung sprechen. Für einige junge Menschen ist das Arbeiten ohne Berufsabschluss eine Option, die dem Interesse an einer Ausbildung entgegensteht.
Mehr als die Hälfte der befragten Schüler*innen kann sich vorstellen, erst einmal ohne berufliche Qualifikation zu arbeiten. Rund 19 % haben das fest vor. Von den Schüler*innen mit niedriger Schulbildung ist es sogar jede*r Vierte. Es ist zwar gut möglich, dass ein Teil dieser Personen perspektivisch eine Ausbildung oder ein Studium aufnimmt. Vor dem Hintergrund der 2,86 Millionen jungen Menschen ohne berufliche Qualifikation und dem Trend einer steigenden Zahl von Ungelernten unter den 20- bis 34-jährigen Erwerbstätigen in Deutschland (aktuell 13 % mit steigender Tendenz seit 10 Jahren) ist dennoch Vorsicht geboten. Im schlechtesten Fall verbleiben die jungen Menschen nicht nur kurz-, sondern mittel- und langfristig in Helferjobs und stehen den Unternehmen nicht als qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung. Dieses Risiko besteht insbesondere für junge Menschen mit niedrigem Schulbildungsniveau. Sie schätzen ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz schlechter ein und ziehen häufiger in Betracht, ohne formale Qualifikation zu arbeiten.
Je niedriger der Schulabschluss, desto höher die Quote der ‚Ungelernten‘.“
Fazit und Handlungsempfehlung
Für die Wirtschaft ist das eine dramatische Entwicklung — unbesetzte Ausbildungsplätze verschärfen den Fachkräftemangel und bedeuten hohe volkswirtschaftliche Verluste. Für die jungen Menschen ohne berufsqualifizierenden Abschluss sind die Folgen nicht weniger gravierend. Sie sind häufig in unterdurchschnittlich bezahlten und prekären Helferjobs tätig und einem signifikant höheren Risiko ausgesetzt, arbeitslos zu werden.
Was ist zu tun, um die Situation am Ausbildungsmarkt zu verbessern? Zentral ist, dass es für junge Menschen attraktiver sein muss, sich beruflich zu qualifizieren, als ohne Ausbildung arbeiten zu gehen. Dafür müssen sie wissen, welche Risiken für sie entstehen, wenn sie langfristig ohne Berufsabschluss bleiben. Umgekehrt müssen die mittel- und langfristigen Vorteile und Chancen, die mit einer beruflichen Qualifikation einhergehen, klarer kommuniziert werden.
Außerdem brauchen junge Menschen individuelle und passgenaue Unterstützung am Übergang. Viele fühlen sich von der Informationsfülle zur Berufswahl überfordert. Was wirklich hilft, sind persönliche Kontakte und praktische Einblicke in die Arbeitswelt.
Zuletzt sollten Unternehmen das Potenzial leistungsschwächerer junger Menschen stärker nutzen und gezielt Personen mit Haupt- oder ohne Schulabschluss ansprechen. Für ihre Integration in Ausbildung steht eine Vielzahl staatlich geförderter Unterstützungsmaßnahmen bereit. Diese müssen nur intensiver genutzt werden.
(Quelle: Bertelsmann Stiftung)
Die Zuversicht, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, nimmt mit dem formalen Bildungsniveau ab.
Helen Renk
Project Manager Bildung und Next Generation, Bertelsmann Stiftung (Quelle: Ansichtssache/Britta Schröder)