Berufswettbewerbe fördern die fachliche Exzellenz und steigern die Qualität der beruflichen Bildung. Gehen wir einige Jahrzehnte zurück, in das geteilte Deutschland, stoßen wir jedoch auf ganz andere Aspekte. In der damaligen DDR waren jene Wettbewerbe vor allem ein politisches Instrument, verbunden mit einer Vielzahl von Auszeichnungen, bei der es schwer ist, den Überblick zu behalten. Wir haben es dennoch versucht.
Wenn wir heute an Berufswettbewerbe denken, haben wir die Bilder der EuroSkills und der WorldSkills vor Augen: Junge Menschen aus verschiedenen Nationen treten in ihren Berufen gegeneinander an, gewinnen im besten Fall eine Medaille und werden frenetisch gefeiert. Sie sind durch anstrengende Wettkampftage gegangen und haben unter all dem Druck ihren Fokus nicht aus den Augen verloren. Was kaum jemand sieht: Der Erfolg ist das Ergebnis eines intensiven und zielgerichteten Trainings. Ein Training, das häufig neben der Ausbildung oder nach dem Feierabend stattfindet.
Früh übt sich
Es sind sicher nicht die ersten Leistungswettbewerbe, die ein junger Mensch durch die EM oder WM der Berufe erlebt. Bereits in der Grundschule kommt der eine oder andere mit der Mathe-Olympiade oder dem Vorlesewettbewerb in Berührung. Doch während die Teilnahme an diesen Ausscheiden in der Bundesrepublik überwiegend freiwillig war, konnten sich Kinder und Jugendliche in der DDR den zahlreichen Wettbewerben kaum bis gar nicht entziehen. Die schulische und berufliche Laufbahn war geprägt von Engagement und — mit Fleiß und etwas Glück — Urkunden, Leistungsabzeichen und Medaillen.
Das begann mit der „Urkunde für gutes Lernen“, die an Schüler*innen mit einem Notendurchschnitt von mindestens 1,5 verliehen wurde. Beim „Junge Talente“-Wettbewerb trugen Kinder und Jugendliche ein Lied/Gedicht vor oder führten in der Gruppe ein Theaterstück vor, das eine Jury bewertete. Die besten Beiträge wurden zum Ausscheid des Kreises geschickt. Und wo wir schon bei einer Jury sind — selbst Musiker*innen mussten vor staatlichen Kommissionen ihr Können präsentieren, um eine sogenannte Spielererlaubnis zu erhalten, die sie für öffentliche Auftritte zwingend benötigten. Diese Spielererlaubnis konnte ihnen allerdings jederzeit entzogen werden, was einem Berufsverbot gleichkam.
Die schulische und berufliche Laufbahn war geprägt von Engagement und — mit Fleiß und etwas Glück — Urkunden, Leistungsabzeichen und Medaillen.“
Ganz im Sinne von Vater Staat
Dass man mit Wettbewerben den Nachwuchs ganz nach seinen Wünschen formen konnte, war dem DDR-Staatsapparat schon früh klar. Schließlich sollten junge Menschen zu klassenbewussten Arbeiter*innen ausgebildet und erzogen werden. So fand ab 1949 jährlich der „Berufswettbewerb der deutschen Jugend“ statt, bei dem es Medaillen für ausgezeichnete, sehr gute und gute Arbeit gab. Doch nicht nur die Leistung jeder und jedes Einzelnen wurde prämiert, sondern auch die Gemeinschaftsarbeit, sprich: die des Kollektivs. Dafür „lockte“ die Medaille für „Vorbildliches Lehrlingskollektiv im sozialistischen Wettbewerb“. Ganze Schulen und Kindergärten wurden für ihre erfolgreiche Arbeit auf dem Gebiet der kommunistischen Erziehung mit dem Staatstitel „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ ausgezeichnet.
Doch zurück zur Berufsausbildung: Lehrlinge, die im sozialistischen Berufswettbewerb ihre Wettbewerbsverpflichtungen sowie die Anforderungen des Lehrplans mit sehr guten Ergebnissen erfüllt hatten, erhielten ab 1970 die Medaille „Für sehr gute Leistungen im sozialistischen Berufswettbewerb“. Das galt auch für diejenigen, die sich in der Neuererbewegung schöpferisch und aktiv beteiligten, sprich: mit Verbesserungsvorschlägen der Werktätigen die Produktivität steigern konnten. Ausgezeichnet wurde nahezu jedes Engagement im Sinne des Staates.
Leistungsvergleiche gab es aber auch auf internationaler Ebene. So verliehen die Ostblockstaaten alljährlich den „Pokal der Freundschaft“ an Friseur*innen und Kosmetiker*innen. Auch mit den Schaufelradbaggerfahrern aus den osteuropäischen Bruderländern maß man sich, ebenso mit den Koch-, Kellner- und Konditorlehrlingen, um nur einige zu nennen.
Auf beiden Seiten wurde dafür trainiert und gelernt, und auf beiden Seiten wurde gefeiert.“
Ehre, wem Ehre gebührt
Abseits der Wettbewerbe war vor allem die große Anzahl an Ehren- und Gedenktagen für bestimmte Berufsgruppen in der DDR bemerkenswert, die sich von denen in der BRD erheblich unterschied. An diesen Tagen gab es Auszeichnungen, Beförderungen und geselliges Beisammensein in einem Überfluss, den man sich an anderen Stellen des alltäglichen Lebens manchmal vielleicht wünschte. Gefeiert wurde u. a. der Internationale Tag der Luft- und Raumfahrt, zusammen mit dem Tag der jungen Techniker und Naturforscher, der Tag der Werktätigen der Wasserwirtschaft, der Tag der Genossenschaftsbauern und Arbeiter der sozialistischen Land- und Forstwirtschaft, der Tag des Bauarbeiters, der Tag des Bergmanns und des Energiearbeiters sowie der Tag der Werktätigen der Leicht-, Lebensmittel- und Nahrungsgüterindustrie. Am Tag des Lehrers wurden — um es mit zwei Beispielen zu skizzieren — die „besten“ Pädagog*innen, Erzieher*innen und Kollektive mit der Dr.- Theodor-Neubauer-Medaille geehrt. Am Tag des Eisenbahners wurden die vorbildlichen Leistungen beim Erfüllen der Beförderungs- und Transportaufgaben mit entsprechenden Verdienstmedaillen ausgezeichnet. Bei dieser Vielzahl an Ehrungen war es vermutlich schwer, leer auszugehen.
Alles in allem unterschieden sich die Ehrungen und Wettbewerbe in Ost und West hauptsächlich durch die Anzahl und die politischen Ziele, die daran geknüpft waren. Auf beiden Seiten wurde dafür trainiert und gelernt, und auf beiden Seiten wurde gefeiert. Heute liegen die Auszeichnungen von damals sicher noch in der einen oder anderen Schublade oder haben es ins Museum geschafft. Der einstige ideologische Wert ist längst verblasst. Doch die historische Bedeutung bleibt.
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